Amazon frech

Es ist soweit, seit dem 04.05.2017 weitet das Onlineversandhaus Amazon sein Angebot aus und startet seine neue Sparte "fresh". Warum wir das alles andere als erfrischend finden, es sogar eher als eine große Frechheit ansehen, möchten wir euch hier kurz mitteilen. 

Mit Büchern fing es an, mit der Zwiebel soll es sein (vorläufiges) Ende nehmen...denn, wer weiß, was wir bald sonst noch alles bei Amazon kaufen können, ohne dass wir wussten, dass es das überhaupt gibt, geschweige denn, dass wir es bräuchten. Nicht erst seit dem neuesten Streich gilt die Devise "überzeuge den Kunden, sich selbst zu überzeugen". Die Grundlage für diesen Leitsatz zur Entmündigung des Kunden liefert Amazonchef Jeff Bezos höchst persönlich und ganz ungeniert, kaschiert als Marketing-Strategie: "Kunden sind immer herrlich, wunderbar unzufrieden", sagt Bezos. "Sie wollen immer etwas Besseres, selbst dann, wenn sie es selbst nicht wissen." Oha, das hat man doch irgendwo schon mal gehört. "Es ist nicht die Aufgabe der Verbraucher, zu wissen, was sie wollen." Das sagte bereits Steve Jobs, allerdings wohlwissend, einen Trendartikel zu bewerben, der den Alltag nur auf den ersten Blick unkomplizierter gemacht hat, Genau hier liegt jedoch der wesentliche Unterschied zwischen Apple und Amazon. Wohingegen erstere keine Alltagsgegenstände (NEIN, Smartphones und Tablets sollten tatsächlich nicht zu den Alltagsgegenständen gehören) anbieten, handelt Amazon mit Waren des täglichen Gebrauchs und nun neuerdings mit Lebensmitteln. Hier muss die verbreitete marktliberale Denkweise der Steves und Jeffs der Welt beendet werden. Nicht nur, dass wir uns bei der Wahl unserer Lebensmittel keiner Gehirnwäsche unterziehen lassen sollten, darüber hinaus besteht die größere Sorge in der Monopolisierung eines natürlichen Gutes in die Hände eines radikal wirtschaftlichen Unternehmens. Mit Sicherheit bietet die Lieferung von Essen in gewissen Fällen seine Vorteile, z.B. bei Großlieferungen in Kantinen, Schulen und Kitas oder bei der Unterstützung für Menschen, denen der alltägliche Einkauf aus unterschiedlichsten Gründen schwerfällt. Amazon sehen wir hier leider nicht in der Wohltäterrolle , sondern eher als Promoter einer Degenerierung der ursprünglichen Lebensweise. Der Einkauf in einem Lebensmittelgeschäft ist ein sinnlicher und sozialer Akt, der erhalten werden muss. Ich möchte das Lebensmittel sehen, riechen, anfassen. Ich treffe Freunde, Bekannte, man tauscht sich aus. Man kennt seinen Verkäufer/seine Verkäuferin. Was passiert mit Lieferungen, die nicht gleich zugestellt werden können? Was, wenn mir der Apfel nicht gefällt, den ich bekomme? Von der Mehrbelastung der Umwelt durch ein erhöhtes Aufkommen an Zustellungsfahrten ganz abgesehen. Es ist schon schlimm genug, wie hoch industrialisiert und verkünstlicht unsere Lebensmittel bereits geworden sind. Das ist sicher auch der Machbarkeit einer Versorgung von beinahe sieben Milliarden Menschen geschuldet, jedoch sollte man nun nicht alle Schranken im Kopf öffnen und der Fast-Click-Short-Happiness-Mentalität freien Lauf lassen. Wenn bald Obst, Gemüse und Co. wie Elektroartikel und Textilwaren durch die Gegend gescheucht werden, dann setzt es der Perversität der sowieso schon vorherrschenden Produktionsschemata die Krone auf. Bisher landet der ganze Schmuddel, der vermeintlich "zu mir passt" oder der "mir auch gefallen könnte" als Müll, natürlich nicht vor unserer Tür, sondern in eben jenen Produktionsländern, die schon genug mit ihrem eigenen Müllaufkommen zu tun haben. Das ist schlimm genug, wenn so nun auch bald mit unseren Lebensmitteln verfahren wird, die sozusagen noch mehr zu einem Wegwerfartikel werden, als sie es eh schon sind, dann kommen zu der Ausnutzung der weltweiten Ressourcen und Verschmutzung der Produktionsländer noch eine tiefreichende Verschlimmerung der Nahrungsmittelverschwendung dazu. Unsere Regale werden wohl trotzdem immer voll sein und bei Amazon Fresh ist eh IMMER ALLES da. Weiterhin ist zu hinterfragen, welche Auswirkung Amazon Fresh auf die Preispolitik haben wird. Ich kriegs bei Amazon nach Hause geliefert und evtl. noch den einen Cent günstiger. Verlockend oder? Was ist mit fairen Löhnen für die Produzenten und deren daraus folgende Bereitschaft, qualitativ hochwertige Lebensmittel zu produzieren? Seit einiger Zeit besteht die naheliegende Vermutung, dass die Warenhauskette Walmart, die ähnlich aggressiv wie Amazon vorgeht, in Amerika erheblich zur Verdrängung von Produkten in Niedriglohnländern geführt hat und Warenproduzenten vor die Wahl gestellt wurden, entweder billiger zu produzieren oder nicht mehr bei Walmart in den Regalen zu stehen. Nicht der verdammte Mexikaner oder auf Deutsch, der verdammte Fidschi ist für den ganzen Mist verantwortlich, sondern unser Konnsumverhalten, das allzu stark von global playern wie z.B. Walmart oder Amazon beeinflusst wird. Das ist mit Sicherheit nicht das, von dem wir gar nicht wissen, dass wir es wollen. Was wir wollen, sind qualitative , faire Lebensmittel, die unserer Gesundheit zuträglich sind und ein ausreichendes Einkommen für den Produzenten gewährleistet. Alles Andere führt unweigerlich zu einer Verschlechterung unserer Lebensmittelversorgung. Gut, wie gesagt, die Zeit zum Jagen und Sammeln und in den Beeten rumkrauchen ist vorbei. Wir müssen für unser Essen heute weniger tun und viel Verantwortung abgeben, jedoch, wenigstens die paar Schritte zum Einkaufen sollten uns unsere müden Beine noch tragen. Für dich, für mich, für uns Alle - für eine Welt, in der zukünftige Generationen noch wissen, dass die Produktionen von Lebensmitteln nicht mit einem Klick im Internet beginnt.


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